Sinn und Form: Zum aktuellen Verhältnis zwischen Kunst und Philosophie

Das Verhältnis von Kunst und Philosophie wird klassischerweise in der „Ästhetik“ abgehandelt.
Das Wort stammt vom Griechischen AISTHTIKE EPISTEME und bedeutet Wissenschaft von der AISTHESIS, d.h. von der sinnlichen Wahrnehmung. Nach der gängigen Vorstellung beschäftigt sich die philosophische Ästhetik nicht nur mit der sinnlichen Wahrnehmung, sondern mit dem Schönen und der Kunst. Als eigenständige philosophische Disziplin ist die Ästhetik eine Erscheinung des 18. Jahrhunderts und geht im deutschsprachigen Raum auf Alexander Gottlieb Baumgarten zurück. Er bestimmte die Ästhetik als Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis.

Ich möchte hier nicht über die philosophische Ästhetik schreiben. Mich interessiert in diesem Moment nicht, was die Philosophie über die sinnliche Anschauung, das Schöne und die Kunst zu berichten weiß. Mir geht es nicht um die Kunst als Gegenstand der Philosophie, sondern um mögliche aktuelle Verbindungspunkte zwischen den Disziplinen Philosophie und Kunst. Mit Kunst meine ich in diesem Text die bildende Kunst, nicht da ich glaube, dass andere Künste nicht von Relevanz sind, sondern da ich mich selbst vor allem mit bildender Kunst beschäftige. Mich interessieren künstlerische und philosophische Methoden, welche sich aufeinander beziehen und damit neue Reflexionsfelder aufwerfen.

Philosophie als Performance: Diogenes und Lecture Performance

Die Geschichte der Philosophie beginnt mit einem bühnenreifen performativen Akt und einem Lachen – einem Auslachen, man könnte meinen, dass am Beginn eine Komödie steht. Platon, der Ahnherr der Philosophie, der am Beginn der schriftlichen Fixierung in Europa steht, erzählte die Geschichte von Thales von Milet, dem vielleicht ersten Philosophen der abendländischen Tradition. Thales war fasziniert vom Himmelsgewölbe und blickte beschäftigt in den Nachthimmel, so intensiv, dass er einen Brunnen am Boden übersah und in diesen stürzte. Eine hübsche thrakische Dienstmagd beobachtete die Szene und lachte den Philosophen aus. Sie verspottete ihn, dass er sich mit aller Leidenschaft mit den Dingen am Himmel beschäftige, während er das, was ihm vor der Nase und den Füßen lag, übersah. Dieser komischen Performance, die wahrscheinlich unabsichtlich zur Aufführung kam, dem Publikum aber augenscheinlich gefiel und in der kollektiven Erinnerung blieb, folgten in der Philosophiegeschichte zwei weitere wichtige Performances, die mit viel Selbstüberzeugung vorgetragen wurden. Diogenes von Sinope, Zeitgenosse von Platon, versuchte einer Weissagung des Orakel von Delphi folgend, die gesellschaftlichen Konventionen zu brechen. Er lebte mittellos auf der Strasse, möglicherweise in einem Holzfass oder einen Fass aus gebranntem Ton. Im geistig regen Athen kam Diogenes auch mit dem Philosophen Antisthenes in Kontakt, dessen Schüler er wurde. Diogenes wurde rasch zu einer Berühmtheit in Athen. Sein Beiname wurde „kyon“, der Hund. Ein Name den er als Ehrentitel verstand. Diogenes soll eines Tages mit einer Laterne in der Hand über den Markt von Athen gegangen sein. Dabei habe er jedem ins Gesicht geleuchtet, den Kopf geschüttelt und sei weitergegangen, bis ihn jemand gefragt habe, was er am helllichten Tage mit seiner Laterne wolle. „Ich suche einen Menschen“, antwortet er darauf. Eine zweite zynische Performance des „kyon“ fand während einer Rede eines Philosophen statt. Diogenes befand sich unter den Zuhörern und hielt beharrlich einen gesalzenen Fisch in die Höhe. Wie sich immer mehr Menschen dem Redner ab- und Diogenes zuwandten, meinte dieser, dass es wohl eine belanglose Rede sein müsse, wenn ein gesalzener Fisch mehr Interesse wecke als die Rede des Gelehrten.

Performance und Philosophie sind eng miteinander verwoben. Die Rede ist die materielle Form des sokratischen Dialogs. Der Vortrag, die Vorlesung ist die Materialisierung der Philosophie an der Universität. Es stellt sich die Frage wann Wissen zu Wissen wird, ob es ein Wissen vor der sprachlichen, sei es schriftlichen oder mündlichen Materialisierung gibt.  Sybille Peters schreibt in „Der Vortrag als Performance“: „Materialisierung, Verzeitlichung, Verräumlichung, Verkörperung, Verhandlung – all dies sind nicht etwa nachträgliche oder sekundäre Vorgänge, sie sind konstitutiv für die Entstehung von Wissen.“ Im Bereich der Lecture Performance wird der Zusammenhang zwischen Wissen und dem Vortrag verhandelt. Mit den neuen Medien Performance, Video und Audio wird dem gesprochenen Wort und damit auch dem Denken in Wortform vermehrte Bedeutung zugesprochen. KünstlerInnen wie Martha Rosler, Katarina Zdjejar, und Renate Lorenz beschäftigen sich mit der lecture performance. Auch PhilosphInnen widmen sich dem Vortrag als Kunst, wie z.B. der an der Universität Wien lehrende Arno Böhler, Gründer des Philosophie- und Performancefestivals „philosophy on stage, an welchem jährlich KünstlerInnen und PhilosophInnen performative „lectures“ zu philosophischen Themen abhalten.

Kunst als philosophische Forschung – Public Blue

Die Künstlerin und Philosophin Anke Haarmann versteht die künstlerische und philosophische Methode als „Ensemble gleich berechtigter kultureller Praktiken“, da beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise relevante Themen der Gegenwart bearbeiten, präsentieren und erfahrbar machen. Sie betrachtet Philosophie und Kunst als „reflexive Künste“ welche die Welt sehen. Die integrative Weise ihrer Arbeit fügt die theoretische Reflexion in das künstlerische Produkt mit ein. Als Beispiel der „Kunst und Philosophie“ als kulturelle Praktik“ betrachtet Anke Haarmann ihren Video-Essay „Public Blue“. Thema des Werks ist der öffentliche und soziale Raum in Japan, welchen sie anhand der Situation von Wohnungslosen in Osaka untersucht. Überall in den Parks, am Rand großer Strassen, in der Nähe von Bahnhöfen an den Flussufern der japanischen Großstadt sieht man blaue Zelte oder mit blauen Planen bedeckte Baracken aus Karton und Sperrholz. Manchmal finden diese sich locker gruppiert, in Reihen aufgebaut oder zu kleinen Kommunen formiert. Genannt werden die „Wohnungslosen“, welche in diesen blauen Zelten leben No-juku-sha – Camper auf dem Feld. Das Video ist in Zusammenarbeit mit den No-juku-sha und AktivistInnen in Osaka entstanden. Es skizziert die Situation, skizziert ihre politische Arbeit und dokumentiert die Räumung der blauen Siedlungen. Anke Haarmann versteht Public Blue als ein Werkzeug der Selbstartikulation im politischen Kampf gegen die Vertreibung. Das Video wird in Parks und auf öffentlichen Plätzen Japans gezeigt. Public Blue ist aber auch eine Installation für den Kunstraum: blauen Zelten, welche jenen der Wohnungslosen in Japan entsprechen werden zum Ausstellungsraum für Monitore, auf welchen Interviewsequenzen aus dem Video-Essay gezeigt werden. Die Ausstellung war 2007 im Palais für aktuelle Kunst in Glückstadt zu sehen. Der Film Public Blue wurden auf verschiedenen Filmfestspielen in Deutschland, Japan und Spanien gezeigt. Anke Haarmann hat verschiedene Vorträge zu ihrem Projekt gehalten und Texte publiziert, in welchen sie weniger über die Situation der No-juku-sha spricht, sondern über die Bedeutung des Öffentlichen Raumes in Japan nachdenkt. Public Blue ist Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Sie „besetzen ideell und real einen Raum, der in Japan häufig als Durchgangspassage zwischen Arbeitsplatz und Familienheim nur durcheilt wird. Kouen, das japanische Wort für Park, meint nicht alleine »Grünfläche«, sondern steht für die öffentliche Anlage im Allgemeinen, aber es bezeichnet damit einen urbanen Raum, der gesellschaftlich wenig belebt ist, obwohl er nach der Öffnung Japans im 19. Jahrhundert überall städteplanerisch geschaffen wurde.“ Neben der transitiven Funktion der Parks in Japan, haben sie vor allem während des traditionellen Kirschblütenfest – dem Hanamie – eine ästhetische Funktion. Die Japaner treffen sich in Parks um die rosarot blühenden Bäume zu bewundern. Die Wohnform der Nu-juku-sha bricht radikal mit beiden Logiken des Öffentlichen Raums in Japan. In ihrer philosophischen Arbeit beschäftigt sich Anke Haarmann mit der Frage nach dem „kontextuellen“ Menschen. Sie begreift „künstlerische Produktionsweisen und theoretische Reflexion als ein Ensemble an kulturellen Praktiken, die beide auf unterschiedliche Weise zum Selbstversehen von Individuum und Gesellschaft beitragen.“ Beide Philosophie und Kunst „reflektieren“, die Philosophie indem sie nachdenkt und die Kunst indem sie (Spiegel-)Bilder schafft. „Das reflexive philosophische Moment verharrt mitunter im passiven Kritizismus.“ Durch das Verständnis von Kunst und Philosophie als parallele kulturelle Praktiken kann, frei nach Gilles Deleuze und Felix Guattai, schöpferisch am Resonanzraum der Begriffe gearbeitet werden, im Sinne eines Finden-Erfinden.

Hans und Hans

In der Kunstszene Südtirols beschäftigen, bzw. beschäftigten sich zwei Künstler intensiv mit Philosophie bzw. bearbeiten den Grenzbereich zwischen Philosophie und Kunst. Der 1945 in Brixen geborene und dort lebende Künstler Hans Knapp bezeichnet sich selbst als Person, die sich gerne mit Philosophie beschäftigt. Für die Landesausstellung „Labyrinth::Freiheit“ hat er eine Bibliothek mit ca. 100 Titeln zum Thema „Freiheit“ eingerichtet. Diese Bibliothek verstand er als Anregung sich theoretisch mit dem Begriff Freiheit, auseinander zu setzen, zu lesen, sich zu informieren und zu diskutieren. In der Bibliothek fanden sich Titel wie „Macht und Gewalt“ von Hannah Arendt, „Gesetzeskraft: Der mystische Grund der Autorität“ von Jacques Derrida, „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von Immanuel Kant usw.

Die zweite künstlerisch-philsophische Position Südtirols ist der Ökologe und „Schöpfer“ der „Toblacher Gespräche“ Hans Glauber. Zwischen 1963 und Mitte der 70iger Jahre arbeitete er intensiv als Fotokünstler. Entstanden sind zirka hundert Werke, die sich zum Teil im Glauber-Archiv in Bozen, der Sammlung des MUSEION in Bozen, sowie in anderen Museums- und Privatsammlungen befinden. 1959 übersiedelte Glauber nach Frankfurt, wo er regelmäßig die Vorlesungen von Theodor W. Adorno besuchte und sich intensiv mit Soziologie und Philosophie beschäftigte. 1965 bestritt er seine erste Einzelausstellung im Kunstgewerbemuseum in Zürich. Im selben Jahr folgen Einzelausstellungen bei Feltrinelli in Mailand und Rom. 1967 kam es sogar zu einer Einzelausstellung in der wichtigen Galerie nächst St. Stephan in Wien. Es folgten Soloshows im Museo de bellas artes in Santiago de Chile, im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld, 1973 in der Kunsthalle Basel und 1974 in der Neuen Galerie in Graz. Wichtige Gemeinschaftsausstellungen an denen Hans Glauber sich beteiligte waren „Photographie in the City“ im Smithsonian Institiution in Washington D.C, „Kunst und Kritik“ im Museum Wiesbaden, „Industrie und Technik“ im Lehmbruck-Museum in Duisburg, die britische Grafikbiennale in Bradford, „Kunst in Frankfurt“ im Frankfurter Kunstverein. Er gehört zu jener Zeit zum fixen Bestandteil der Frankfurter Kunstszene. Die Fotoarbeiten Glaubers lassen sich laut des Kunsthistorikers Andreas Hapkemeyer unter dem Titel „Aus der mechanischen Stadt“ zusammenfassen. Die zum Teil großformatigen Arbeiten (100 x 200 cm) sind „Resultat eines komplizierten Verfahrens mit zahlreichen Durchgängen. Glaubers Fotoarbeiten bilden Wirklichkeit nicht ab, sondern konstruieren mögliche Wirklichkeiten. Am Anfang des Prozesses stehen Fotografien von Maschinen bzw. Maschinenteilen, konkret von Schreib- und Rechenmaschinen, wie sie die Firma Olivetti herstellt, für die Glauber arbeitete. Die Fotokomponenten werden zum Teil collagiert und in verschiedenen Durchgängen umkopiert. Linien und Flächen dieser ersten Fotos werden durch ein Solarisationsverfahren herausgearbeitet.“ In den 80er-Jahren setzte sich Hans Glauber mit der damaligen kritisch schöpferischen Avantgarde, angeführt von Joseph Beuys auseinander. Ihm ging es weniger darum, die Welt wie sie ist und er sie empfindet abzubilden sondern konkrete Vorschläge zu machen, wie die Welt sein sollte. Hans Glaubers Kunstbegriff erweiterte sich zur sozialen Plastik und mündete 1985 in sein Konzept der Toblacher Gespräche. Die Vision war wichtige ökologische Themen in den öffentlichen Diskurs zu tragen, Multiplikatoren anzusprechen, um damit in der Gesellschaft Veränderungen einzuleiten. Glauber arbeitete intensiv daran aus den komplexen ökologischen Problemen der Zeit einen Ausweg zu weisen: „Der Überfluss, das Maßlose, ist hässlich, während das rechte, das richtige Maß schön ist. … Schönheit hat etwas mit Begrenzung zu tun, hat etwas damit zu tun, dass wir in Zukunft mit weniger Mitteln kreativ sein müssen.“ Seine positive Antwort auf die gestellten Fragen war der Entwurf des „Solaren Zeitalters“, in welchem in Zukunft – genauso wie bis zum Jahr 1800 – alle Energie aus der Sonne gewonnen wird. Dieses zweite solare Zeitalter wird laut Glauber auch materiell ein ganz andere Zivilisation auf hohem Niveau ermöglichen.

In diesem kurzen fragmentarischen Abriss über Verhältnisse von Kunst und Philosophie wollte ich mögliche Ansätze zur Diskussion eines alternativen Begriffes von Kunst und Philosophie aufzeigen. Ich bin nicht der Meinung, dass es in der aktuellen Kunst darum geht „Schönheit“ zu schaffen. Mit Schönheit beschäftigt sich das Design, welches durch die zahlreichen Techniken meist auch geschickter im Umgang mit Moden und dem aktuell Ästhetischen ist. Wir leben heute in einer sehr komplexen Welt, die von Schwierigkeiten und Krisen, vielleicht auch von Kehren gekennzeichnet ist. Durch die Medien Werbung, Druck, Fernsehen, Video, Internet, You Tube usw. wandelt sich unsere Kultur von einer Buchkultur, welche die Wahrheit im Text vermutet, zu einer Bildkultur, in welcher dem Bild Wahrheitsqualitäten zuerkannt werden, an die wir gerne glauben und die dadurch auch wahr werden. Möglicherweise können Kunst und Philosophie dieser Welt durch gemeinsame Anstrengungen adäquate Analyen gegenüberstellen und sogar konkrete Utopien in Bildsprache entwerfen, welche das Potenzial haben eine „schöne neue Welt“ zu schaffen.

Literatur:

Sybille Peters, Der Vortrag als Performance, transcript Verlag, Bielefeld 2011

Anke Haarmann, Kunst und Philosophie als kulturelle Praxis, http://www.aha-projekte.de/HaarmannKunst+Philosophie.pdf (10.01.2012)

Astrid Kofler, Hans Karl Peterlini (Hg.) Hans Glauber, Utopie des Konkreten, Edition Raetia, Bozen 2011

 

Der Artikel wurde in der Kulturelemente 101 (Bozen) im Jänner 2012 veröffentlicht.

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