Hannes Egger: Perform Yourself
«Legen Sie sich wie tot auf den Boden und warten Sie, bis Sie angesprochen werden!». Dazu fordert Hannes Egger die Betrachterinnen, beziehungsweise Leserinnen auf. Es könnte das Skript einer Performance des amerikanischen Künstlers Chris Burden sein. Burden revolutionierte den Performancebegriff mit Werken wie etwa Doomed, das 1975 im Museum of Contemporary Art in Chicago gezeigt wurde. Der Künstler legte sich auf den Boden des Ausstellungsraumes und die Performance dauerte so lange (45 Stunden), bis die vehemente „Ansprache“ des Performers durch die Zuschauenden nicht mehr ignoriert werden konnte. Doomed fragte nicht nur nach der Rolle des Künstlers oder der Künstlerin, sondern thematisierte das ethische Verhalten der Museumsbesucherinnen mit, die sich hier im Museumsraum direkt gegenüberstehen. The artist is absent – Perform yourself – der Künstler ist abwesend. Das ist der Titel eines Künstlerbuches von Hannes Egger aus dem diese Handlungsanweisung stammt. Es ist nicht nur die Umkehrung der bekannten Ausdauerperformance «The Artist is Present» von Marina Abramovic, sondern auch des Titels der Abschlussarbeit meines Studiums der Kunstgeschichte: «The artist is present» behauptete ich damals, und zwar selbst dann, wenn er abwesend sein möchte oder könnte. Die Institution Museum, im Spezifischen Museen für Gegenwartskunst (aber auch die Kunstgeschichte, Kunstkritik und weitere Akteure), so wollte ich aufzeigen, kommen ohne Künstlerin nicht aus, selbst dann nicht, wenn das Werk musealisiert, gesammelt, ja konserviert wird. Ein Dilemma, denn entgegen dem postmodernen «Tod des Autors» oder, zeitgenössischer gedacht, verschiedenen Strategien des Sich-Entziehens, ist die Künstlerinnenfigur präsenter denn je und spricht mit in der Rezeption, Interpretation oder Beschreibung des Werkes. Und nun behauptet also Hannes Egger das Gegenteil. Das hat mich interessiert. Es geht noch weiter: anstelle des Künstlers sei du – das Publikum – der Künstler/die Künstlerin. Das Büchlein enthält gegen fünfzig Anleitungen zum Aufführen einer Performance. Jede davon ist illustriert mit einer Zeichnung eines geschlechtslosen, kopflosen (Publikum ?)-Performers. Die Arbeit fordert also uns, die Betrachterinnen, heraus, aktiv zu werden. Der Doppeltitel macht es deutlich: Die Fragestellung geht in zwei Richtungen. Was ist die Rolle der Künstlerinnen und was ist diejenige der Betrachterinnen? Wird das Publikum ausgestellt? Die Anweisungen sind banal bis komplex, manche brauchen Mut und würden mich als Performerin exponieren, andere könnte man problemlos ausführen, ohne dass jemand anderes davon Kenntnis nehmen würde. Wenn man sie genauer anschaut, zeigen sie aber auch eine lose Geschichte derjenigen Kunst auf, der die Pole von Präsenz und Absenz der/des Künstlerin auf die Probe stellt, nämlich der Performancekunst.
Am meisten Zeit in Meran habe ich bei meinem Gastgeber Hannes Egger verbracht. Dies in der Planung meiner Recherchewoche ahnend, hab ich mir gewünscht, auch sein Atelier zu besuchen. Den Leser*innen dieses Textes ist er wohl bekannt und gerade deshalb wollte ich gerne über Hannes schreiben. «Bei mir kommen wir sicher auch mal vorbei», schrieb mir Hannes auf meine Bitte, auch sein Atelier besuchen zu dürfen. Dass der Atelierbesuch begann, bevor ich am letzten Tag meines Aufenthaltes tatsächlich den Ort, wo Hannes lebt und arbeitet, besuchte, ist symptomatisch für seine künstlerische Praxis. Sie kann überall entstehen und ist nicht auf ein Studio angewiesen. Die Arbeiten von Hannes Egger schaffen einen Dialog und entstehen, vermute ich, zu Teilen auch im Dialog. Der Ort, an dem Hannes doch vornehmlich arbeitet – nun in Corona-Zeiten während der Entstehung dieses Textes sind ja diese Orte wichtiger denn je geworden – ist ein altes, renoviertes Haus im Dorfkern von Lana, ein einladender Garten, ein Wohnzimmer voller Bücher, das direkt an die offene Küche grenzt und im Erdgeschoss des Hauses eine umgebaute Garage, in der sich das Archiv des Künstlers, Autors, Herausgebers und Vermittlers befindet. Wir verbrachten viel Zeit zusammen im Auto und fuhren von Meran bis ins Grödnertal, nach Innsbruck und wieder zurück. Alle meine Fragen zum Gesehenen und Vorbeiziehenden, zu den Personen, die wir gerade besuchen würden, wusste er zu beantworten – mehr als das, die Antworten führten zu interessanten Gesprächen. Ich habe von Hannes etwas zu benennen gelernt: Man sollte im Leben keine «um-zu»-Projekte machen. Also Dinge tun, auf die man wenig Lust hat, zu denen man aber ja sagt, weil man denkt, man tut dies, um zu… eben. Ich habe in diesem Moment realisiert, dass diese Recherche-Woche in Meran für mich kein Umzu-Projekt ist sondern es ohne Ziel und Absicht geschieht und nichts passieren muss.