Critics

„art brut“ und minimalistische Zeichensprache: Franziska Egger und Hannes Egger

Günther Oberhollenzer

Mit großer Experimentierfreude erschafft sich Franziska Egger eine eigene, verspielte Welt, deren einfache Zeichensprache an Comicstrips und Graffitis erinnert und damit – besonders auch bei ihren Collagen – eine gewisse Nähe zu Werken der Pop Art erkennen lässt. Die erfrischende Unmittelbarkeit von Formen und Farben wie auch deren kindlich naive Wirkung lassen aber auch an „art brut“-Kunstwerke denken.Der Begriff „art brut“ wurde 1945 vom französischen Maler Jean Dubuffet geprägt, er meinte damit „rohe, unverfälschte Kunst“, die autodidaktisch von Außenseitern, psychisch Kranken oder gesellschaftlich Unangepassten abseits des etablierten Kunstbetriebs geschaffen wurden. Die Gruppe der „Gugginger Künstler“ aus Klosterneuburg bei Wien gehört z.B. zu den bedeutendsten Vertretern dieser Kunstrichtung. Seit 1970 unter dem Label „art brut“ zum ersten Mal ausgestellt, erwarben sich die Gugginger Künstler innerhalb kürzester Zeit einen beispiellosen Ruf, der zu über 250 Ausstellungen weltweit führte. 1982 gründete der Psychiater Leo Navratil das Haus er Künstler in Maria Gugging als Zentrum für Kunst und Psychotherapie, 2006 wurde das Museum Gugging eröffnet. Österreichische Künstler wie Arnulf Rainer, Peter Pongratz oder Franz Ringel erkannten in vielen der Zeichnungen und Schriften schon früh den hohen künstlerischen Wert und ließen sich davon auch in ihren eigenen Arbeiten inspirieren.

Die direkte, unverfälschte Verbindung innerer Kreativität und äußerer Schaffenskraft – etwa eines Johann Hauser, einen der bekanntesten Vertreter der Gruppe – zeichnen auch die Werke von Franziska Egger zum Thema Abgrund aus: Ein kleines Männchen mit schreiverzerrten Gesicht stürzt in eine Schlucht, flankiert von flächig gezeichneten Häusern. Auf zwei anderen Bildern stapeln sich schemenhaft skizzierte Totenköpfe und andere Skelettteile in einem tiefen Spalt, dessen Seitenwände mit sonderbar lieblichen Ornamentmustern wie Blumen, Blättern oder gar Weintrauben farbenfroh verziert sind.

Farben und Verzierungen spielen bei Hannes Egger keine Rolle. Er reduziert sich auf das Wesentliche: Eine Hand. Ein Bleistift. Ein Blatt Papier. Die Zeichnung ist eine der unmittelbarsten künstlerischen Ausdrücke des Menschen. Und trotzdem findet sie in der zeitgenössischen Kunst nur noch selten Beachtung. Hannes Egger zeichnet. In der Technik durchaus vielseitig – Ölkreide auf Papier, Acryl auf Leinwand, Texilfarbe auf Baumwolle – sind es doch immer die gleichen Formen und Zeichen, die Eggers Bildwelt prägen. Einfache, archaische anmutende Figuren und Dinge nehmen von Papier und Leinwand Besitz. Auf wenige Striche reduziert – wie Piktogramme aber doch um vieles poetischer, eindringlicher – erzählen sie eine Geschichte, bebildern Begriffe wie Geburt, Leben und Tod oder stehen einfach für sich. Anleihen von steinzeitlichen Felsmalereien finden sich ebenso wie Elemente aus Comicstrips, Karikaturen oder Kinderzeichnungen. Egger gelingt es dabei, in eine universelle Sprache zu sprechen, seine Arbeiten sind leicht verständlich, einfach und gewinnend. Die minimalistische Zeichensprache macht seine Arbeiten unverwechselbar und erinnert an jene von Oswald Tschirtner, einen weiteren Vertreter der Gugginger Künstler und den wohl prominentesten Zeichner der Gruppe. Klare Zeichen charakterisieren auch Eggers Arbeiten zum Thema Abgrund: Ein Gewicht hängt an einem Seil, das hier den Zeichenstift ersetzt und sich zu drei geometrischen Bildern formt; ein Steinbock steht unter dem Gipfel eines stilisierten schneebedeckten Berges, ein stilisiertes Geweih liegt in dem wiederkehrenden Dreieck, nun aber seitenverkehrt einen schwarzen Abgrund bildend.